Jasper van’t Hof’s Pili Pili

Eine Konstante in der World Music


Wohl kaum jemand hätte gedacht, dass die 1984 zunächst mit Afro-Funk gestartete Pili Pili 27 Jahre später ihr 14. Album vorlegen würde. Auch der Bandleader, der vielseitige und virtuose niederländische Pianist Jasper van’t Hof nicht. Van’t Hof lebt in den  Niederlanden und hatte mit dem Thema eigentlich schon vor sechs Jahren abgeschlossen. 1999 war das Best-Of-Album erschienen, danach noch erstaunliche drei Alben, das letzte in 2004 mit dem Titel „Postscriptum“. Die Industrie hat sich in den letzten Jahren verändert, aber die Nachfrage nach guter World Music hält an. Die Booker von die börse Wuppertal reizte es jedenfalls, Jasper van’t Hof 5 Jahre nach der Abschiedstour mit Pili Pili exklusiv für ein Konzert einzuladen. Die gute Resonanz auf die Show im Oktober 2009 in Wuppertal, aber auch das Interesse anderer Label hat die Bremer Plattenfirma JARO denn doch veranlasst, bei Jasper van’t Hof noch einmal vorsichtig anzufragen, ob er nicht doch. Er ließ sich gerne überreden, schließlich ließ ihm JARO die Freiheit, die Konzeption für das erste Album nach sieben Jahren federführend zu bestimmen. Sie ließen zu, dass er das neue Album „Ukuba Noma Unkungabi“ mit überwiegend akustischen Instrumenten aufnahm: „Ich musste keinen großen kommerziellen Erfolg anpeilen, es musste auch nicht mit den gängigen Radioformaten mithalten und auch nicht unbedingt ein modernes Jazzalbum sein. Ich wollte etwas machen, dass europäische und afrikanische Kultur vereint. Dass mir das gelungen ist, darauf bin ich stolz und ich bin JARO dankbar. Dieses Album ist anders als die Vorgängeralben, und ich bin mir des Risikos bewusst, den Erwartungen an eine etablierte Band nicht entsprechen zu können.“

 

27 Jahre später

Van’t Hof, der schon als Jugendlicher im Triolenspiel von Art Blakey das Afrikanische bewundert hatte, das ihm deutlich machte, welche Anziehung zwischen afrikanischer Musik, Jazz, Rock, Soul, Blues und Pop bestand. Eine Tour durch Zentralafrika in den Jahren 1982 und 1983 mit Philip Catherine ließ ihn mit afrikanischen Percussionisten jammen und führte ihn schließlich zu seinem auch kommerziellen Meisterstück: im Sommer 1984 in die Routine in der Club- und Diskothekenlandschaft den Afro-Funk von Pili Pili platzen zu lassen. „Scharfer Pfeffer“ heißt der Bandname in der Landessprache von Zaire. Schwarze und Weiße entfachten aus der wechselseitigen kulturellen Reibung ein musikalisches Feuerwerk, das auch den spröderen Kompositionen des Albums impressionistische Glanzlichter aufsetzte und in dem über eine Viertelstunde langen Titeltrack kulminierte - über Nacht war Jasper van’t Hof auch in der Pop- und World-Music-Szene ein Begriff. Der Titeltrack des Albums wurde ein Diskotheken-Abräumer, der den Nerv der Zeit traf. Komplexe traditionelle Rhythmen Afrikas wurden mit Gesang, Jazz- und Fusion-Elementen zu einer hitzigen, zugleich höchst tanzbaren Melange fusioniert.  Angelique Kidjo, Manfred Schoof, Annie Whitehead und Tony Lakatos waren Teil dieser Bandgeschichte. Van’t Hof entwickelte die Band zu einem kulturellen Schmelztigel weiter und veröffentlichte mit Pili Pili Konzeptalben, die das Leben auf dem schwarzen Kontinent beleuchteten: "Nomansland" mit dem Thema "Geschichte der Sklaverei", "Incwadi Yothando" mit dem Phikelela Sakhula Zulu Choir bis zum Konzeptalbum "Ballads of Timbuktu", das sich intensiv mit der Geschichte Westafrikas auseinandersetzt. Jasper entwickelte es mit seinem langjährigen Weggefährten, dem Percussionisten Dra Diarra aus Mali, den er besonders schätzt, weil "er ein sehr ausgeprägtes Gespür für Emotionen hat. Er kann die ganze Atmosphäre, das Leben, das Wachsen von Timbuktu in seine Perkussion legen." Dra Diarra ist auch 2011 noch dabei.

Spürbar jazziger

Auch dieses Album glänzt durch harmonisch-rhythmische Raffinessen, wobei van’t Hof betont, dass er hier einfühlsam vorgegangen ist: „Afrika ist und war Groove und Trance. Das ist auch das Fundament des Jazz, auch wenn die Begriffe unterschiedlich verstanden werden. Man kommt ausdauernd in Bewegung, anders als man im Pop oder in der Klassik in Bewegung gerät. Deshalb haben wir nur hier und da krumme Taktarten.“ Das Besondere des neuen Albums ist der Anteil des Jazz. Da ist Tineke Postma Alt- und Sopransaxophon, Vasile Darnea an der Geige, Anton Peisakhov am Cello, und ich spiele viel akustisches Piano auf dem neuen Album.“ Das Album hebt sich durch diese Qualität schon beim ersten Hören deutlich und wohltuend von anderen kommerziell ausgerichteten World-Music-Alben ab.

 

Gegen die barbarische Verstümmelung von Frauen

Jasper van’t Hof ist mit diesem Album aber auch wieder in der Rolle des Botschafters der WHO unterwegs, wie schon seit vielen Jahren. „Wenn du mit Afrikanern arbeitest, erzählen sie dir von sich, du lernst die Menschen und ihre Regionen kennen. Es gibt Landstriche in Nordostafrika, besonders in Somalia und Ägypten, die sehr abgeschieden von der zivilisierten Welt sind, wo es barbarische Gewalt gibt, mit der Männer die Frauen unterdrücken. Dazu zählt auch die Beschneidung der weiblichen Geschlechtsorgane. Da ich viel mit modernen Afrikanern arbeite, die um diese Dinge wissen und die damit ein Problem haben, entstand so eine Verbindung zur WHO. Sie haben mich gefragt, ob ich die Initiative der „Global Alliance Against Female Genital Mutilation“ unterstützen möchte. Ich habe nicht lange nachdenken müssen, weil ich geschockt war von den Bildern im Internet. Du denkst vielleicht, das war vor 100 Jahren und länger zurück. Nein, es ist heute. Deshalb bin ich gerne in der Funktion des Botschafters unterwegs.“ Pili Pili unterstützte die Organisation schon einmal mit der Komposition „Jinga Hornja“ (auf Englisch: „You cannot take my dignity“) vom Album „Ballads of Timbuktu“, das 2002 erschien. Die Titel des neuen Albums sind bis auf das Wiegenlied nicht nur in der Landessprache Zulu, sondern auch ins Englische übersetzt worden, um nicht nur die Musik, sondern auch die Worte sprechen zu lassen, über das Grauen, auch wenn die Musik fröhlich klingt. Wenn das neue Pili Pili den erwarteten Erfolg hat, wird das Projekt auch wieder touren. Die treue Fangemeinde kann sich schon den ersten Livetermin im Kalender markern: 28.05.2011, im Dortmunder Strobels.

 

Jasper van’t Hof’s Pili Pili

„Ukuba Noma Unkungabi“

JARO 4297-2

 

www.japervanthof.nl

www.jaro.de

www.global-alliance-fgm.org