„Kansi Auki“ | Jazzfestival Helsinki


Helsinki, 23.11.2011:
  Ein wenig trüb ist der Himmel über Finnlands Hauptstadt. Und es ist gar nicht so kalt wie erwartet. Normalerweise sei Helsinki um diese Zeit gerne schon mal mit Schnee bedeckt, meint Iiro Rantala. Aber dieses Mal pendeln im November die Temperaturen noch ein wenig oberhalb der Nullgradgrenze. Aber das Wetter ist Iiro Rantala ohnehin ziemlich egal, hat der Pianist doch sowieso Zeit für nichts. Schließlich gilt es, die erste Ausgabe seines neuen, kleinen und feinen Festivals durchzuführen. „Kansi Auki“ heißt es, was als Redewendung so viel bedeutet wie „Laut heraus“, aber auch einen geöffneten Flügel meint. Und der Flügel, das Klavier steht im Mittelpunkt des viertägigen Events.

Solopiano, um es ganz genau zu sagen. Gwilym Simcock, Bugge Wesseltoft, Jasper van´t Hof und Michael Wollny sind die eingeladenen, auswärtigen Tastendrücker. Und natürlich spielt Iiro Rantala auch selbst. Einmal solo, mit dem Programm des mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Album „Lost Heroes“, das Rantala erst kürzlich und ziemlich gewitzt um Bachs Goldberg-Variationen ergänzt hat, und am zweiten Abend im Duo mit Jonatan Sarikoski. Der junge finnische Drummer ist ein idealer Partner für den temperamentvollen Pianisten. Er versteht es nämlich glänzend ganz intuitiv auf den Humor, den Spielwitz und die plötzlichen Rhythmuswechsel Rantalas zu reagieren, die schnellen wilden Läufe auf den schwarz-weißen Elfenbeintasten genial zu kommentieren, zu unterstützen oder mit den eigenen Rhythmen markante Kontrastpunkte zu setzen. Eine erst seit kurzem begonnene Zusammenarbeit durchaus auf Augenhöhe. 

Schon seit einer Weile benutzt Bugge Wesseltoft einen iPad und in Helsinki wirkte dieser Tablet-Computer in den Händen des Norwegers wie ein natürliches Instrument. Aus einer kleinen, minimalistischen Idee heraus entwickelte Wesseltoft am Konzertflügel, an kleinen Keyboards, mit Hilfe von Loops und eben iPad seine Songs, die auf geloopte Beats und Sounds setzen, ohne sich von ihnen dominieren zu lassen. Eine Stück für Stück feinsinnig zusammengesetzte Musik, die sich stets langsam entwickelt. Hörbar klassisch geschult agierte der walisische Pianist Gwilym Simcock aus einer Melodieverliebtheit und einem Hang zum Romantischen heraus, während Jasper van´t Hof knackig gespielte Rhythmen mit spürbarer Liebe zu Afrika bevorzugt. Der Holländer liebt markante Akkorde, lässt die Klänge gerne mal richtig donnern, erzeugt energiegeladene, unheimlich packende Atmosphären, weil er auch einer ist, der einen Song aufzuschichten und aufzubauen weiß. Zwei Stücke spielten Jasper van´t Hof und Gastgeber Iiro Rantala übrigens gemeinsam an zwei Flügeln am Ende des Sets des Holländers. Und wie sie Charlie Marianos „Lazy Day“ herrlich bluesig schleppend starteten, um dann Stück für Stück ein wahres Tastenfeuer zu entzünden – schrill, spontan, mit viel Augenzwinkern und viel Verständnis untereinander. Zwei positiv Verrücke an 176 Tasten – die beiden musikalischen Lausbuben van´t Hof und Rantala sollten mal ernsthaft über ein gemeinsames Klavierduo nachdenken!

Nachdenken tut Iiro Rantala auf jeden Fall schon über die Fortsetzung seines neuen Festivals, dessen Premiere er erst einmal selbst vorfinanziert und mit seiner Gattin Lotta praktisch auch im Alleingang organisiert hat. Dieser Einsatz hat sich trotz eines zu erwartenden finanziellen Minus ausgezahlt, denn die Tage waren erfolgreich und mögliche Sponsoren sind fürs nächste Jahr deshalb schon in Sicht. Das Publikum strömte zahlreich in das wunderbar intime Kapsäkki-Musiktheater, wo es rund um den bzw. die Konzertflügel saß, und auch ins direkt angrenzende Restaurant Allotria, benannt nach Willi Forsts Spielfilm von 1936 mit Heinz Rühmann, das allabendlich nach den jeweils beiden Hauptkonzerten im Saal zum Musikclub wurde. Mit einem Programm, das Iiro Rantalas einstigen Klavierlehrer Seppo Kantonen als großen Ästheten auf den Tasten zeigte, Tommi Lindell alias Veijo Midi & Modulit als schrägen Musikclown, der völlig schmerzfrei bekannte Pop- und Rocktitel schillernd bunt karikierte und stimmlich durch den Vocoder jagte, und das jahrelang eingespielte Trio des Pianisten Joona Toivanen, der sich als eher leiser, lyrischer und äußerst geschmackvoller Künstler mit spürbar nordischem Flavour präsentierte.